anna ingerfurth




Ralf Christofori
Anna Ingerfurth
Weiter als nah dran
 

 

Man muss in diese Bildwelten geradewegs eintauchen. Den Fokus im Makrobereich, die Gedanken im Weitwinkelmodus. Ganz nah dran an den Bildern, die eher wie Objekte wirken. In nächster Nähe zu den Motiven, die bis ins kleinste Detail durchgearbeitet sind. Handwerklich perfekt. Konzeptuell durchdacht. Kompositorisch gegen jede Regel. Anna Ingerfurth malt, genießt und schweigt. Sie gehört nicht zu den Lautsprechern im lärmenden Kunstbetrieb. Und das verbindet sie mit ihren leisen Miniaturen. Was der Einzelne in ihren Arbeiten sehen will, entzieht sich ihrem Einfluss. Und das entspricht so ganz der Welt als Wille und Vorstellung, wie sie die Künstlerin mag.

Anna Ingerfurths Bildwelt wirkt auf den ersten Blick entrückt, obwohl sie ihre Motive, wie sie sagt, in alltäglichen Situationen und Begegnungen findet. Dieser Fundus aber ist eher als motivationaler Impuls zu verstehen, um daraus eine ganz neue, eigenwillige Wirklichkeit zu schaffen. Eine Wirklichkeit, die man als surreal oder zumindest irreal bezeichnen könnte – extrem verdichtet in vergleichsweise kleinen Bildformaten: Räume, die wie in den Bildern von M. C. Escher irgendwo beginnen und sich dann – physisch unmöglich – verselbstständigen oder bildhaft verschrauben. Funktionslose Röhren und Podeste, die aus dem Nichts kommen und auch dort wieder enden. Schwarze Löcher, aus denen Menschen auftauchen. Personen, die sich wie Hütchenfiguren auf einem Spielbrett bewegen. Begegnungen, die keine sind.

Wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Leitmotiven sprechen kann, dann werden sie in den Bildern sowohl assoziativ als auch dissoziativ wirksam: assoziativ, weil die Motive im Einzelnen durchaus realitätsnahe Anschlussmöglichkeiten bieten; dissoziativ, weil nichts so ist, wie wir es kennen. Kammerspielartig inszeniert Anna Ingerfurth die phänomenale und physische Grenze zwischen öffentlichem und intimem Raum, zwischen Außen und Innen, zwischen Zugang und Abweisung. Die Personen, die darin agieren, tragen graue Anzüge, klassische Kostüme, einfache Plisseekleider und Frisuren, die aus einem Versandkatalog stammen könnten. Es liegt nahe, diese „Mustermänner und -frauen“ (Wolfgang Heger) auf scheinbar konditionierte Verhaltensmuster zu reduzieren, wäre da nicht die durch und durch konstruierte Umwelt, die alle Konventionen überschreitet. Für Anna Ingerfurth ist dies weit mehr als nur Ausdruck einer ästhetischen Befindlichkeit, sondern eine Auseinandersetzung von psychosozialer Tragweite.

Welche „Fragen aus dem Alltag“ (2006) stellen sich wohl jene Personen ohne Unterleib, die nahezu bewegungslos in den Quadranten des Bildgevierts verharren? Über welche Ordnung mögen sich die beiden Kugelspieler den Kopf zerbrechen, die in dem Bild „Aus bewährten Quellen zusammengetragen und geordnet“ (2015) hinter einem Vorhang aus Farbkreisen debattieren? Wie viel Individualität kann und darf sich der titelgebende „Mustermann“ (2013) erlauben, der unter dem Ornament der Masse unsichtbar zu werden droht? Anna Ingerfurth lädt die Betrachter ein, solche motivischen Konstellationen zu entschlüsseln und an ihnen teilzuhaben: aus der Nähe, um jedes Detail im Kleinen zu erkennen; und mit der gebotenen Distanz, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. Eben: „Weiter als nah dran“ (2015).

Zugegeben: Anna Ingerfurths kleinformatige Tableaus sind ein Fest für Ästheten, Soziologen, Psychologen und andere Traum- oder Raumdeuter. Entscheidend aber ist, dass hier eine Künstlerin die Oberhand behält, ohne die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Mit mikroskopischem Blick und feinem Pinselstrich komponiert Anna Ingerfurth ihre Bildwelten, die auch malerisch zwischen Dissoziation und Assoziation changieren. Wo hat man so etwas schon mal gesehen? Bei Magritte? – Nur andeutungsweise. Bei Dalí? – Motivisch denkbar, aber malerisch zu altmeisterlich. Bei Georgia O’Keeffe? – Einfach zu monumental.

In ihrer Farbigkeit erinnern einige von Ingerfurths Malereien an das kalifornische Schlaglicht eines David Hockney; andere an die gedeckte Palette von Neo Rauch. In „Heiße und kühle Tage“ (2009) wiederum lässt die Künstlerin poppige Camouflage-Malerei in der Manier Andy Warhols um die Protagonisten wabern. Und wenn sich der Farbfeldmaler Kenneth Noland dafür entschieden hätte, Figuren im Raum zu malen, dann hätten seine Bilder vermutlich genau so ausgesehen wie das 2014 entstandene Bild „Das Messen der Wirklichkeit“. Als Bildgrund dient hier eine roh belassene MDF-Platte mit abgerundeten Kanten und Ecken. Farbige Ornamente, die an Tapetenmuster der 1970er-Jahre erinnern oder auch an moderne Infografiken, strukturieren die Bildfläche. Sie definieren einen undefinierbaren Raum. Am linken Rand schreiten ein Mann und eine Frau in Laborkitteln aus dem Bild.

Der Titel der Arbeit legt nahe, dass es sich um Wissenschaftler handelt, deren Aufgabe es ist, die Wirklichkeit zu vermessen. Ihre Arbeit, so scheint es, ist getan. Ob es ihnen gelungen ist, lässt sich angesichts der motivischen Verkettungen und Brüche in Anna Ingerfurths Bild nicht eindeutig beurteilen. Vieles aber spricht dafür, dass der Mensch hier schon längst nicht mehr das Maß der Dinge ist und sich stattdessen die Dinge längst aus diesem menschlich vermessen(d)en Zugriff befreit haben. So hat es einmal mehr den Anschein, dass Anna Ingerfurth in ihren surrealen oder zumindest irrealen Bildern die Sicht der Dinge verrückt, aber auch fröhlich zurechtrückt: zugunsten, einer neuen und eigenwilligen Wirklichkeit, die der Realität deutlich näher ist, als wir gemeinhin zu glauben wagen.

Berndt Künzig Winfried Stürzl Wolfgang Heger