anna ingerfurth




Bernd Künzig
Intimate Exchanges -Anna Ingerfurth und das Tagebuch

 


Tagebücher entstehen oft in einer dialektischen Spannung zwischen Privat und Öffentlich. Einerseits sind sie Zeugnisse Intimer Vorgänge, innerer Emotionen und spontaner Gedanken. Andererseits zeigen sie Entwicklungsprozesse von Individualität, Gesellschaft und ästhetischer Formung auf. In diesem Kontext bieten publizierte Tagebücher Einblicke in das künstlerische Werden von Literaten, Komponisten oder Künstlern, das In einer Spannung zwischen individueller Dramatik und gesellschaftlichen Konflikten liegt. Tagebücher werden und wurden teilweise mit diesem Fokus bereits zu Lebzeiten ihrer Schreiber publiziert oder erlauben posthum Einblicke in Werkprozesse. Die Tagebücher Franz Kafkas spiegeln nicht nur das Innenleben dieser komplizierten Persönlichkeit wieder, sondern sind Steinbruch und Skizzenbuch für Geschichten, die entweder nicht ausgeführt oder im größeren Rahmen in Roman und Erzählung angewandt wurden.

Die Tagebücher bildender Künstler oder von Musikern sind in der Regel ebenfalls verbalsprachliche Reflexionen des inneren und äußeren Werkprozesses. Eher selten ist der Fall einer Reflexion im gleichen künstlerischen Medium. Diesen seltenen Fall finden wir beispielsweise im Fall der Streichquartette von Dimitri Schostakowitsch, die zwar zur Aufführung im intimen und privaten Kreis bestimmt waren, aber gleichzeitig Ausdruck innerer Gefühlskämpfe sind, die -politisch gesehen -offiziell nicht artikulierbar waren. Es sind somit musikalische Tagebuchaufzeichnungen von großer Perfektion, die verbalsprachlichen Äußerungen und dem öffentlichen Werkkomplex in nichts nachstehen. Einen vergleichbaren -wenngleich undramatischeren -Status nehmen nun auch die Tagebuchblätter von Anna Ingerfurth ein. Sie entstehen Tag für Tag im immer gleichen Format, an dessen Rand das jeweilige Datum, wie von mechanischer Hand gestanzt, erscheint. Diese Tagebuchblätter können in ihrer jeweils differierenden Bildfindung den Anspruch spontaner, intimer Erfindung für sich behaupten; die Motive sind Werkstoff und Steinbruch für spätere Ausführungen im kieInformatigen Tafelbild. Die zeichnerische und malerische Perfektion schließt sie gleichfalls als autonome Werke ab, deren Datumsfolge eine ganz eigene Geschichte ästhetischer Produktion im Spannungsfeld von täglichem Malritual und innerer Empfindung freisetzt. Zeichnung und Malerei sind dabei als die Artikulationsform der Künstlerin zu verstehen. Wie Anna Ingerfurth einmal bekannte, war die Substitution der Wort-Sprache von Anfang an gegeben: Was sie sagen wollte, spricht sie in Bildern. Insofern sind die dem Tagebuch anvertrauten Obsessionen in diesen Bildern zu lesen: das Verfallensein an die Macht des Ornaments, die Im surrealen Raum sich verlierende Figur des Persönlichen, die Macht der Architektur und des Raums, der triviale Alltagsgegenstand, der ebenso Ausdruck von Intimität wird, wie die zeichnerische Erfassung körperlicher Gesten. Diese zeichnerischen Tagebuchblätter stellen ein raffinierte Form der Entblößung und Verschleierung dar. Hinter dem ästhetischen Gestus bleibt die Persönlichkeit von Anna Ingerfurth ein zerbrechliches, unergründliches Wesen, dessen Schönheit in dieser Spannung von Offenlegung und Verbergen liegt.

Wolfgang Heger Winfried Stürzl Ralf Christofori